Artikel in Tages-Anzeiger und NZZ
01/24/2012 Hinterlasse einen Kommentar
In den letzten Tagen berichtete der Tages-Anzeiger über die Strassenbarrikaden in der Haldenstrasse und am Berneggweg. Die NZZ nahm sich hervorragend des Themas schikanöse Zürcher Verkehrspolitik an. Bleibt noch zu ergänzen, dass man als ÖV-Benutzer eigentlich jedem Pendler dankbar sein sollte, der mit dem Auto zur Arbeit kommt, denn zu Spitzenzeiten herrscht ein Gedränge, wie man es früher nur von Bildern aus Japan kannte – dies zumindest die persönliche Erfahrung des Schreibenden.
Doppelter Kampf um freie Fahrt und Sicherheit für die Kinder
Tages-Anzeiger; 20.01.2012; Seite 19ges Zürich
Die Haldenstrasse wird zu Stosszeiten gesperrt. Jetzt sammeln zwei Gruppen Unterschriften – eine für, die andere gegen die Sperrung.
Von Tina Fassbind
Zürich – Die Haldenstrasse macht Sorgen – sowohl den Anwohnern als auch der Stadt. Gemäss einer Mitteilung des Tiefbauamts passieren rund 4500 Fahrzeuge täglich die Quartierstrasse, die quer durch Wiedikon führt. Die Hälfte davon sind Autofahrer, die die Haldenstrasse als Schleichweg nutzen.
Am 3. Oktober 2011 hat das Tiefbauamt die Notbremse gezogen. Zumindest vorübergehend. Mit zwei Barrieren, die von Montag bis Freitag zwischen 6 und 9 und 15 und 19 Uhr geschlossen sind, wird dem Transitverkehr ein Riegel vorgeschoben. Die Massnahme ist bis Ende Februar 2012 befristet. Dann kann der Verkehr wieder frei fliessen.
Grund genug für die Betroffenen, bereits jetzt Unterschriften zu sammeln – und das sowohl für als auch gegen eine Beibehaltung der Sperrzeiten. Auf der einen Seite kämpft die IG freie Zufahrt Haldenstrasse gegen die Beschneidung der «Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit» durch die Barrieren. Auf der anderen Seite macht die IG Haldenstrasse für eine «höhere Lebensqualität in der Quartierstrasse» und einen Stopp des Durchgangsverkehrs mobil.
Das Tiefbauamt der Stadt Zürich hat seinerseits Fragebogen an die Anwohner verschickt, in denen sie sich zur Teilsperrung der Quartierstrasse äussern konnten. Gemäss Mediensprecher Stefan Hackh werden diese nun zusammen mit dem Bericht eines privaten Planungsbüros bis Ende Februar ausgewertet. Parallel dazu stehe die Stadt mit den beiden IG in Verbindung. Spätestens bis Sommer will die Stadt informieren.
Die IG Haldenstrasse will aber nicht bis Sommer warten. «Wenn es keine weitere Sperrung durch die Stadt gibt, dann wollen wir mit verschiedenen Aktionen auf die problematische Situation hinweisen», erklärt IG-Sprecherin Eva Weber. Geplant seien ein Strassenfest und das Aufstellen von Plakaten auf privatem Grund. «Wir werden auf jeden Fall für eine Verbesserung der Verkehrssituation an der Haldenstrasse weiterkämpfen», sagt Weber.
Zumindest in einem Punkt sind sich die beiden IG einig: Die Sicherheit der Kinder muss verbessert werden. Ab März will die IG Haldenstrasse einen Lotsendienst für die Schulkinder einführen. Ziel ist eine Ampel beim Fussgängerstreifen zur Siedlung Binzallee. Auch das Aufstellen von Blitzkästen oder eine Sperrung der Strasse – mit Ausnahmebewilligungen für Anwohner – wären gemäss Peter Metzinger von der IG freie Zufahrt gangbare Wege. «Wir sind keine Autofanatiker. Aber wir wollen keine Barrikaden auf unserer Strasse.»
In der Stadt Zürich wird vom rot-grün dominierten Stadtrat kaum eine Gelegenheit ausgelassen, dem Autoverkehr Hindernisse in den Weg zu stellen. Kontinuierlich, systematisch und schon fast mit einer gewissen Boshaftigkeit wird den Autofahrern das Leben schwer und schwerer gemacht. Viele Eingriffe lassen sich nicht mehr als flankierende Massnahmen im Zusammenhang mit der Westumfahrung verkaufen. Die gegenwärtige Strategie umfasst den Abbau von Spuren, zum Beispiel am Verkehrsknotenpunkt Bellevue, neue Fussgängerstreifen und Rotlichter an Hauptachsen wie auf der Rosengartenstrasse. Dazu kommen sogenannte Kaphaltestellen für Trams und Busse, die sich auf der Fahrspur befinden und den Verkehrsfluss stören. Auffällig ist auch die Kumulation von Grossbaustellen, die dann monatelang den Verkehr behindern. Und alles wird vom Gemeinderat brav durchgewinkt.
Baldiger Angriff auf den ParkplatzkompromissMit der Städteinitiative im Rücken, die im letzten Herbst ganz knapp per Stichentscheid von den Stimmberechtigten angenommen wurde, lässt sich – nun sogar offiziell legitimiert – noch ungenierter schalten und walten. Der Auftrag lautet ja, den Anteil des motorisierten Privatverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in der Stadt Zürich massiv zu reduzieren. Weitere Schnapsideen wie Tempo 30 in der Nacht in der ganzen Stadt werden deshalb ernsthaft geprüft. Und selbst der Einführung von Road-Pricing wäre der Stadtrat nicht abgeneigt, würde doch nur der Kanton auch mitmachen. Ein Angriff auf den historischen Parkplatzkompromiss, zu dem der Kanton nichts zu sagen hat, dürfte bald auf dem politischen Parkett geführt werden. Die Überlegung dahinter ist einfach: Weniger Parkplätze bedeuten weniger Verkehr. Allerdings würde ein Rütteln am Parkplatzkompromiss, gemäss dem die Zahl der Parkplätze in der Innenstadt auf dem Stand von 1990 zu halten ist, alte verkehrspolitische Gräben aufreissen, die seinerzeit mit viel Aufwand zugeschüttet werden konnten.
Es ist offensichtlich, dass das Auto möglichst verbannt und die Stadt für den Veloverkehr fit gemacht werden soll. Auf Teufel komm raus werden in der ganzen Stadt Veloabstellplätze geplant und erstellt, wobei als Grund die Bevölkerungsentwicklung angegeben wird. Daher erstaunt es auch nicht, wenn der Stadtrat eine vage formulierte Idee von Pro Velo, einen Highway für die Zweiradfahrer durch die Stadt, genauer anschauen will. Natürlich hätte die Umsetzung dieser Massnahmen einen neuerlichen Spurabbau im grossen Stil für die Autos zur Folge. Doch längst nicht alle können oder wollen, gerade im Winter oder bei Regen, mit dem Velo durch die Stadt fahren – nicht einmal die grüne Stadträtin Ruth Genner, Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements.
Verkennung der RealitätenDiese Verkehrspolitik gibt zu Besorgnis Anlass und wird Zürich zwangsläufig lahmlegen, verkennt sie doch die Realität im öffentlichen Verkehr und die Entwicklung der Einwohnerzahl Zürichs. Die S-Bahn ist zu Stosszeiten schon heute am Anschlag. Der Vorfall in dieser Woche, als ein Passagier im Morgenverkehr die Notbremse zog, zeigt, wie wenig es braucht, um das System kollabieren zu lassen. Auch die VBZ-Trams sind zu Spitzenzeiten bereits an der Kapazitätsgrenze. Es können nicht mehr beliebig viele Leute auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, und der Ausbau der Infrastruktur kostet Milliarden und dauert Jahrzehnte. Dabei wird auch vergessen, dass Zürich weiter wachsen wird. Experten sprechen – je nach Szenario – von bis zu 500 000 Einwohnern. Auch in der Agglomeration ist die gleiche Entwicklung absehbar. Einige von den Neuzuzügern werden ein Auto besitzen. Da ist es nachgerade kontraproduktiv, wenn die Kapazität für den motorisierten Individualverkehr vorsätzlich abgebaut wird.

